Alles könnte anders sein - Die Spielzeit 2020/21 im Theater Bielefeld

Wir leben in einem Land des Überflusses. Unser Lebensstandard ist höher als der Ludwigs XIV.: Wir wohnen zwar nicht in einem Schloss mit großer Dienerschaft, dafür mit fließend Wasser, Strom und Heizung. Wir fahren nicht in einer prunk­vollen goldenen Kutsche durch die Gegend, sind aber selbst mit dem Bus deutlich schneller unterwegs. Wir haben keinen persönlichen Leibarzt, dafür Zugang zu Antibiotika. Unsere Lebenserwartung ist länger, unser Bildungsniveau höher denn je. Unser Rechtsstaat garantiert uns Freiheit und Sicherheit, unsere Demokratie Mitbestimmung. Mehr noch: Seit zwei Generationen gab es in Deutschland keinen Krieg – eine historische Rarität. All das könnte anders sein.

Doch merkwürdigerweise ist das bestimmende Gefühl unserer Gesellschaft nicht Freude über das Glück, in dieser Zeit und diesem Land zu leben, sondern Angst und Mutlosigkeit. Im letzten Jahrhundert, dieser von Krieg und Vertreibung geprägten Epoche, glaubten die Bewohner*innen der westlichen Welt an den Fortschritt, an den Aufschwung, an ein Morgen, das besser sein wird als das Heute. In unserer Zeit des Wohlstandes dagegen fürchten fast zwei Drittel der Deutschen, dass es ihren Kindern schlechter gehen wird als jetzt noch ihnen selbst. Tatsächlich ist unser Wohl­stand, wie er heute ist, nicht zukunftsfähig: Er ist weder nachhaltig noch gerecht, basiert er doch auf der Ausbeutung unseres Planeten und der Menschen im globalen Süden. Wenn wir so weitermachen wie bisher, wird es nicht so bleiben, wie es ist: Alles würde anders werden, denn dieses »Weiter so« würde uns früher oder später in den Abgrund führen.

Die Angst vor diesem Abgrund lähmt uns, der Blick nach unten zieht uns herab. Schauen wir stattdessen nach oben, sehen wir uns um: Uns umgibt ein riesiger Horizont voller Möglichkeiten, wir müssen nur den Kurs ändern. Alles könnte anders werden. Selbst über den Abgrund vor uns könnten wir eine Brücke bauen. Denn die Voraussetzungen für Veränderung sind jetzt besser denn je: Innovationen ent­wickeln sich so schnell wie nie – diese Geschwindigkeit kann uns Angst machen, aber genauso Anlass zur Hoffnung auf Veränderung geben. Und während in Zeiten von Chaos und Not nur Problemlösungen entstehen können, gibt uns unser aktueller Wohlstand die Möglichkeit, Visionen zu entwickeln.

Alles könnte anders sein: Unser diesjähriges Spielzeitmotto ist vieldeutig. Dieser kurze Satz kann uns dazu anregen, über unsere Gegenwart, ihre Vorbedingungen und ihre Außergewöhnlichkeit, nachzudenken. Genauso kann er Anstoß sein, uns unsere Zukunft auszumalen, in tausend verschiedenen, dunklen wie hellen Farben. Und nicht zuletzt lässt er uns aktiv werden, um diese Zukunft selbst in die Hand zu nehmen.

Es geht uns gut. Also können wir uns und die Welt um uns herum verändern. Diesen Anspruch stellen die Bühnen und Orchester der Stadt Bielefeld auch an sich selbst. Wir Theater­schaffenden haben in einer privilegierten Zeit hohen Publikumszu­spruchs damit begonnen, Strukturen zu befragen, zu verändern und weiterzuent­wickeln. Das ist manchmal unbequem, aber es lohnt sich. Deshalb heben wir den Blick zum Horizont und halten auch in der Spielzeit 2020/21 mit experimentellen Formaten und neuen Gesichtern Kurs auf das Theater der Zukunft – nicht zuletzt mit dem Ziel, die Stadt mit uns und uns mit der Stadt zu verändern.

Träumen wir also gemeinsam. Träumen wir von einer Welt, die wir uns jetzt noch gar nicht vorstellen können. Und fangen wir an, diese Welt zu gestalten.

 

Die Premieren der Spielzeit 2020/21

Das Musiktheater eröffnet die Spielzeit traditionell mit einem Musical: Stephen Sondheims Die spinnen, die Römer! ist eine turbulent-schmissige Komödie und ganz nebenbei eine Parodie auf die Monumentalfilme der Marke Quo vadis. Sondheim verlieh seinem ersten eigenen Werk jenen unver­wech­sel­baren musikalischen Tonfall, der fortan seine Musicals prägen und ihn zu einer Legende machen sollte. Unverwechselbar ist auch die erste Opernpremiere: Wolfgang Amadeus Mozart zeichnet in seinem Singspiel Die Entführung aus dem Serail Individuen von außerge­wöhnlich differenzierter Emotionalität. Filigrane und zauberhafte Töne bestimmen Benjamin Brittens Ein Sommernachtstraum. Britten und sein Partner Peter Pears haben Shakespeares Vorlage zum Libretto umgeformt, dabei aber dessen Sprache behalten. Leonard Bernsteins Candide kommt nicht auf der Stadttheater-Bühne, sondern in einer konzertanten und trotzdem bildmäch­ti­gen Aufführung in der Rudolf-Oetker-Halle zur Premiere – begleitet von Zwischen­texten Loriots, dem Meister der prägnanten Opernzusammenfassungen. Wie viel Elend verträgt die Kunst? Giacomo Puccini kannte die prekären Lebensumstände unbekannter Kunstschaffender allzu gut. In La Bohème schuf er ein bewegendes Porträt des Seelenlebens und der existentiellen Nöte seiner Protagonist*innen. Ludwig van Beethoven schrieb 1810 seine berühmte Schauspielmusik zu Goethes Trauerspiel Egmont. Christian Jost hat nun – anlässlich des Beethoven-Jahres und mit eindeutigem Bezug auf den Komponisten – eine Oper geschrieben: Egmont wurde erst im Februar in Wien uraufgeführt und kommt im April 2021 als deutsche Erst­aufführung in Bielefeld zur Premiere. Absurde Komik und musikalische Vielfalt kennzeichnen Leoš Janáčeks Die Ausflüge des Herrn Brouček. Der Prager Hausbesitzer Brouček wünscht sich auf den Mond, um nerven­auf­reibenden Begegnungen aus dem Weg zu gehen. Aber dort ist es keineswegs so ruhig, wie er sich das vorgestellt hat. Zudem geht in der kommenden Spielzeit das Projekt First Contact in die zweite von drei Runden. In der geplanten Uraufführung Fremd (Arbeitstitel) steht wieder ein aktueller Stoff im Fokus, der bereits jetzt von Impulsen junger Mitglieder des neugegründeten Musiktheaterjugendclubs MUTH gefüttert und vom Profi-Librettisten Robert Lehmeier zu einem Textbuch ausgeführt wird. Wieder werden Kompositionsstudierende die Musik dazu schreiben. Weiter­hin zu sehen ist die Oper Die Liebe zu den drei Orangen. Außerdem wird Hänsel und Gretel in der Inszenierung aus der Spielzeit 2018/19 wiederaufgenommen.

TANZ Bielefeld beschäftigt sich zu Beginn der Saison mit Herman Melvilles Aben­teuer­roman Moby Dick. Chefchoreograf Simone Sandroni und sein Ensemble beleuch­ten das Spannungsfeld zwischen Zivilisation und Naturgewalt, zwischen Machthunger, metaphysischem Streben und den körperlichen Grenzen des Men­schen. Die choreografischen Motive finden in einer emotionsgewaltigen Musikwelt ihre Entsprechung, die, ausgehend von Benjamin Brittens Sea Interludes aus Peter Grimes, verschiedene Orchesterliteratur – live gespielt von den Bielefelder Philhar­monikern – zu einem Abend vereint.